Pain de Tradition
Das Pain de Tradition gehört zu den klassischen französischen Broten und steht sinnbildlich für Handwerk, Zeit und Aroma. Anders als viele Rezepte basiert dieses Brot nicht auf schnellen Prozessen, sondern auf Geduld und einem sorgfältig geführten Sauerteig. Genau das macht seinen unverwechselbaren Geschmack und seine hervorragende Frischhaltung aus.
Das Herzstück in diesem Rezept bleibt der Sauerteig. Dieser muss regelmäßig gepflegt und gefüttert werden – ein lebendiges System, das Aufmerksamkeit verlangt. Gerade in der Hobbybäckerszene und bei Sauerteig-Enthusiasten gehört dieses Ritual längst zum Alltag.
Wer regelmäßig backt, kennt das Problem: Es fällt immer wieder überschüssiges Anstellgut an. Wegwerfen wäre schade – und genau hier setzt diese Methode an.
Eine besonders spannende Möglichkeit ist das Verarbeiten von Sauerteigresten:
- Sauerteigreste aus dem Kühlschrank (TA 180-230)
- Sauerteigreste mit Wasser auf TA 300 verdünnen und auf etwa 90–95 °C erhitzen
- Anschließend abkühlen lassen und kühl lagern
Durch diesen Prozess entsteht eine Art „Sauerteig-Kochstück“. Die Mikroorganismen werden deaktiviert, aber die wertvollen Aromastoffe bleiben erhalten.
Vorteile des Sauerteig-Kochstücks
Der Einsatz dieses verarbeiteten Sauerteigs bringt mehrere Vorteile mit sich:
- Aromaverstärkung: Die im Sauerteig gebildeten Säuren und Aromastoffe wirken als natürlicher Geschmacksbooster
- Frischhaltung: Ähnlich wie ein klassisches Kochstück verbessert sich die Wasserbindung im Teig
- Nachhaltigkeit: Sauerteigreste werden sinnvoll weiterverwendet
- Flexibilität: Das vorbereitete Kochstück kann mehrere Tage im Kühlschrank gelagert werden
Wichtig ist dabei die richtige Dosierung: Zu große Mengen könnten das Aroma zu dominant machen. In moderaten Mengen eingesetzt, wirkt der Sauerteig jedoch nicht störend, sondern als wertvoller zusätzlicher Aromaträger.
Dieses Brot lebt von seiner Einfachheit und gleichzeitig von seiner Tiefe. Knusprige Kruste, lockere Krume und ein vielschichtiges Aroma machen es zu einem echten Genussbrot.
Durch die Kombination aus klassischer Sauerteigführung und moderner Resteverwertung entsteht ein Brot, das nicht nur geschmacklich überzeugt, sondern auch nachhaltig gedacht ist. Gerade für ambitionierte Hobbybäcker bietet diese Methode eine hervorragende Möglichkeit, das Beste aus ihrem Sauerteig herauszuholen.
Rezept
für ein Teiggewicht von ca. 2049g
Sauerteig
| 200g | Weizenmehl 550/700 |
| 180g | Wasser 35°C |
| 20g | Anstellgut |
Anstellgut im Wasser auflösen und anschließend mit Weizenmehl klumpenfrei verrühren. Anschließend 10-12 Stunden bei Raumtemperatur reifen lassen.
Sauerteigkochstück
| 150g | Sauerteigreste mit TA 200 |
| 75g | Wasser |
Sauerteigreste mit Wasser verrühren und auf 90-95°C erhitzen (die Teigmasse muss abbinden). Sollten die Sauerteigreste eine festere TA aufweisen, sollte mehr Wasser geschüttet werden. Nach dem abkochen das Kochstück abgedeckt im Kühlschrank abkühlen lassen.
Hauptteig
| 400g | T80 oder Vollkornmehl fein |
| 400g | T65 oder W550/700 |
| 500g | Wasser 10°C |
| 400g | reifer Sauerteig |
| FERMENTOLYSE | |
| 24g | Salz |
| 225g | Sauerteigkochstück |
| +/- ca. 100g | Wasser 10°C |
Herstellung
Mehl, Wasser und Sauerteig zunächst gemeinsam in der Knetmaschine langsam vermischt. Diese Mischphase dauert etwa zwei Minuten und dient lediglich dazu, alle Zutaten gleichmäßig zu verbinden. Anschließend folgt eine Ruhephase von rund 30 Minuten (Fermentolyse), in der das Mehl ausreichend quellen kann und sich erste Kleberstrukturen bilden.
Nach dieser Quellphase werden Salz und das vorbereitete Sauerteig-Kochstück zugegeben. Der Teig wird nun für etwa 5 Minuten langsam geknetet. Sobald sich der Teig beginnt von der Kesselwand zu lösen, wird das restliche Schüttwasser schrittweise hinzugefügt. Dabei ist es wichtig, die Wassermenge individuell anzupassen, da jedes Mehl unterschiedlich viel Wasser aufnehmen kann. Ziel ist eine geschmeidige, leicht weiche Teigkonsistenz.
Im Anschluss wird der Teig für weitere 4 bis 5 Minuten schnell geknetet, bis sich eine gut ausgeprägte Gluten- bzw. Kleberstruktur entwickelt hat. Ein gut ausgekneteter Teig zeigt eine glatte Oberfläche und eine stabile, elastische Struktur.
Nach der Knetphase wird der Teig in eine leicht geölte Teigwanne gelegt und darf dort etwa 45 Minuten ruhen. Danach wird er einmal gefaltet, um die Teigstruktur zu stärken. Es folgt eine weitere Reifezeit von etwa 120 bis 180 Minuten bei Raumtemperatur. In dieser Zeit sollte sich das Teigvolumen um ungefähr 50 % vergrößern.
Zur Aufarbeitung wird der Teig vorsichtig auf eine bemehlte Arbeitsfläche gekippt, in gewünschte Stücke geteilt und behutsam zusammengefaltet. Die Teiglinge werden mit dem Schluss nach oben in gut bemehlte Gärkörbchen gelegt.
Anschließend erfolgt die kalte Gare im Kühlschrank bei etwa 7–8 °C für 12 bis 18 Stunden, je nach Zeitplanung und gewünschter Aromaausprägung.
Zum Backen werden die Teiglinge auf einen bemehlten Backschieber gestürzt, eingeschnitten und bei 245 °C mit kräftigem Schwaden in den Ofen geschoben. Nach etwa 5 Minuten wird die Temperatur auf 220 °C reduziert und das Brot kräftig ausgebacken. Die gesamte Backzeit beträgt, je nach Teiggröße, etwa 35 bis 45 Minuten.












39 Kommentare
Kommentar erstellen
Ulrike
Ein phantastisches Brot. Allerdings komme ich bei 10 Grad Wassertemperatur und einem Kochstück aus dem Kühlschrank nicht auf die Teigtemperatur von 24-26 Grad. Da werde ich wohl wärmeres Wasser nehmen müssen…. Herzlichen Dank für die viele Mühe, die so ein Blog macht 👍
Antwort erstellen
Dietmar Kappl
HAllo Ulrike,
ja die Wassertemperatur kann bei jedem unterschiedlich sein – am liebsten wäre mir gar keine Angabe zu machen weil diese einfach zu ungenau ist (BITTE immernur als Richtwert sehen!!!)
Lg. Dietmar
Antwort erstellen
Bärbel
Hallo,
Erstmal ein großes DANKE für all die Rezepte und Erklärungen hier, die Dinkelseelen sind die absoluten lieblingsbrötchen meiner Tochter und auch die Brote und Baguette die ich schon gebacken habe, waren alle gelingsicher und lecker- danke!
Bei dem Rezept frage ich mich allerdings gerade, wie ich das Brot zeitlich so einplanen kann… bei 12-18 h im Kühlschrank und ca 3 Stunden Arbeitszeit/ Ruhezeit bekomme ich das ja kaum an einem Tag geknetet und gebacken, wenn ich nicht morgens um 5 aufstehen oder nachts das Brot backen will. Kann ich die teigruhe im Kühlschrank auch kürzer oder deutlich länger machen?
Viele Grüße! Bärbel
Antwort erstellen
Dietmar Kappl
Hallo Bärbel,
ja klar – Zeit ist nur ein Durchschnittswert! Wenn der Teig einmal runtergekühlt ist, dann macht es dem Teig wenig aus ob er 12 oder 20Std im Kühlschrank langsam hinreift.
Lg. Dietmar
Antwort erstellen
Ulrike
Gibt es einen Grund das Kochstück nur auf 90-95 Grad zu erhitzen oder darf ich es ohne Thermometer “kochen “ bis eine puddingartige Masse entsteht?
Antwort erstellen
Dietmar Kappl
Du musst es nicht messen – einfach bis der Pudding enststeht 😉
Antwort erstellen
Nadine
Obwohl beide Teiglinge im Gärkorb hängen geblieben sind, bin ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Da ich kein feines Vollkornmehl zur Hand hatte, habe ich stattdessen normales verwendet.
Antwort erstellen
Nadine
Obwohl beide Teiglinge im Gärkorb hängen geblieben sind, bin ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Da ich kein feines Vollkornmehl zur Hand hatte, habe ich stattdessen normales Mehl verwendet.
Antwort erstellen
Dietmar Kappl
Boa Nadine – die sehen MEGA aus!!
genau mein Geschmack – rustikal und einzigartig 🙂 🙂
!!!!!!!!TOP!!!!!!!
Lg: Dietmar
Antwort erstellen
Nadine
Anschnitt
Antwort erstellen
Dietmar Kappl
Tolle Krumenstruktur
Antwort erstellen
nightrunner
Hallo Didi,
Ein Wahnsinnsrezept!
Super Aroma, das Pain de Tradition schiebt sich in der Weizensauerteigbrotliste vor das Crust Revolution.
Der Vollkornmehlanteil wurde mit der gewonnenen Komo Getreidemühle gemahlen. Hat auch perfekt funktioniert.
Endlich eine Lösung die Fütterungsreste vom Sauerteig sinnvoll zu verwerten, ohne Säurespitzen im gebackenen Brot.
Natürlich ist schon ein großer Teil davon aufgegessen worden.
Der letze Rest für das Foto vom Anschnitt verwendet, mit dem gerade eingetroffenen neuen Buch baking-next-Level Weizen. Das werde ich mir jetzt in Ruhe anschauen.
Allen ein schönes Wochenende!
Liebe Grüße Stefan
Antwort erstellen
Dietmar Kappl
🙂 🙂 – viel Spaß beim lesen 😉
Antwort erstellen
Irina Y.
Dieses geniale Rezept ist zu einer Rettung geworden, da mein Sauerteig zu lange gereift war. Danke Josef, dass Du mich darauf aufmerksam gemacht hast. Wäre sehr schade gewesen.
So ein leckeres, aromatisches Brot ist dadurch entstanden.
Vielen lieben Dank, Dietmar, für Deine Arbeit🫶🏻.
Antwort erstellen
Dietmar Kappl
HAllo Irina,
das freeut mich wenn dir das Rezept geholfen hat deinen Sauerteig zu verarbeiten 😉
Klasse gemacht!
Lg. Dietmar
Antwort erstellen
David Heine
Schönes Rezept! Danke
Antwort erstellen
Dietmar Kappl
Klasse David 🙂
Antwort erstellen
Katreiner
Im Kühlschrank sind sie kaum aufgegangen, und nach dem Schneiden waren die beiden Prinzessinnen so flach, dass ich dachte: „Was soll’s, auch Fladenbrote haben eine Existenzberechtigung.“. Im Ofen aber ging’s nach zehn Minuten so richtig los, und ich hatte ein Dauergrinsen im Gesicht. Gibt sicher noch Luft nach oben, aber ich bin total zufrieden mit dem, was draus geworden ist, und schmecken tut‘s eh großartig. Olivenöl, Salz, Aceto: mehr brauchts nicht.
Antwort erstellen
Dietmar Kappl
Boa schaut des MEGA aus!!!!!!!!!
Backen kann so schön sein und wenn dann noch solche Produkte aus dem Ofen kommen strahlt das Bäckerherz 🙂 🙂
Lg. Dietmar
Antwort erstellen
nightrunner
Hallo Katreiner,
deine Brote sind super geworden, aber die Pinguine, besonders der rechte, sind der Hit!
LG Stefan
Antwort erstellen
Volkmar
Geiles Rezept, lieber Dietmar, und eine tolle Idee, was man mit überzähligem ASG anstellen kann. Das Brot schmeckt übrigens phantastisch. Hoher Suchtfaktor.
Antwort erstellen
Dietmar Kappl
Hallo Volkmar,
ja diese Idee hatte mir ein Leser geschrieben 😉
Lg. Dietmar
Antwort erstellen
Marco
Super um die Sauerteig Reste mal aufzubrauchen
Antwort erstellen
Dietmar Kappl
Klasse gemacht Marco 🙂
Antwort erstellen
Marco
🍞
Antwort erstellen
Klaus Fröhlich
Hallo Dietmar,
soll man das Kochstück tatsächlich heiß in den Kühlschrank stellen? Nach allem, was ich so höre, ist das ein No Go.
VG Klaus
Antwort erstellen
Dietmar Kappl
Hallo Klaus,
weil?? JA etwas abkühlen lassen bei Raumtremperatur und dann ab in den Kühlschrank.
Warum zuerst etwas abkühlen lassen – das haut dir das Klima zusammen und das ist der einzige Grund 😉
Lg. Dietmar
Antwort erstellen
Richard Meier
Habe die Ähre, Dietmar
Wie alt dürfen die Reste sein? 1 Woche? Hätte LM und Roggensauerreste da…
LG Richard
Antwort erstellen
Dietmar Kappl
Hallo Richard,
egal und kochst diese ohnehin ein 😉
Hab auch schon einen Versuch mit Weizen- und Roggensauerteigen zugleich gemacht – All IN
Lg. Dietmar
Antwort erstellen
Richard Meier
Danke, Dietmar! Dann haue ich auch Alles rein, was rumliegt😅.
Antwort erstellen
Dietmar Kappl
🙂 🙂
Antwort erstellen
Daniela
Mal eine schöne Variante um ein paar Sauerteigreste zu ‘entsorgen’. Schmeckt uns sehr gut.
Antwort erstellen
Dietmar Kappl
Daniela ich ziehe meinen Hut 🙂 🙂
Hammer!!!!
Antwort erstellen
Josef Brammer
Einfach ein geiles Brot 🥰🥰🥰
Antwort erstellen
Dietmar Kappl
Klasse gemacht – noch schnell vor dem Urlaub gebacken und anschließend ab nach ROM 😉
Antwort erstellen
Uwe
Hallo Dietmar,
egal wo ich hier bei Dir reinlese oder reinschaue, auch wenn ich eigentlich was ganz anderes suche…überall springen mir hilfreiche Tips, Ideen und Techniken entgegen. Sauerteigkochstück! Unglaublich, diese Probierfreude, dieses Handwerk und Erfahrungswissen, grosses Danke!
Beste Grüsse aus Braunschweig!
Antwort erstellen
Dietmar Kappl
Danke Uwe 😉
Antwort erstellen
Ralph
Sers Dietmar,
liest sich wieder spannend, das Rezept, tolle Idee!
Aaaber:
In der Zutatenliste steht keine Hefe,
In der Herstellung aber schon.
Also wie jetzt, mit oder ohne Hefe? 🥹
Wobei ich bei dir gelernt hab, dass die Hefe in der Langzeitführung leicht weggelassen werden kann.
Magst das Rezept korrigieren, weil sich da sicherlich noch einige fragen, ob mit oder ohne.
Dir und den Deinen frohe Ostern,
♥️lich Ralph
Antwort erstellen
Dietmar Kappl
Hallo Ralph,
danke – ein dummer Fehler und schon ausgebessert.
Dir aus noch einen schönen Ostermontag.
Lg. Dietmar
Antwort erstellen
Kommentar erstellen